Foto: musclevideo.de, Berend Breitenstein – Gründer der GNBF
Berend Breitenstein zählt zu den prägenden Persönlichkeiten des Natural Bodybuildings in Deutschland. Als Gründer der GNBF e. V. (German Natural Bodybuilding & Fitness Federation), erfolgreicher Athlet, Ernährungswissenschaftler und Autor hat er den Sport in den vergangenen Jahrzehnten massgeblich geprägt. Bereits mit 15 Jahren bestritt er seinen ersten Wettkampf, später etablierte er Natural Bodybuilding als Bewegung für gesundes, drogenfreies Training und Wettkampf. Im Gespräch mit MyWorkout Magazin gibt er Einblicke in seine Karriere, seine Philosophie und die Zukunft des Sports.
Zum Interview mit Berend Breitenstein
Berend, du hast bereits mit 15 Jahren deinen ersten Wettkampf bestritten – wie kam es damals zu der Entscheidung, dass du Bodybuilding machen wolltest?
Ich empfand mich in jungen Jahren – beginnend im Alter von ca. 10 Jahren – als zu dick. Seitdem habe ich Sport gemacht, meine Eltern haben mich an viele Sportarten herangeführt. Fussball. Tennis. Schwimmen.
Etwa mit 13 Jahren habe ich dann täglich viele Liegestütze, Klimmzüge und Sit ups gemacht. Als ich 14 Jahre alt war, bekam ich von meinen Eltern eine Trainingsbank und ein Hantelset geschenkt, diese Trainingsgeräte standen dann in meinem Kinderzimmer und ich trainierte täglich damit.
Ebenfalls mit 14 Jahren durfte ich dann Mitglied in einem Hamburger Fitness-Studio werden (mein Vater musste einen Haftungsausschluss für das Studio unterschreiben, für den Fall, das mir dort etwas passiert). Ich machte gute Fortschritte in der Körperentwicklung und wollte von Beginn an auf die Bodybuilding-Bühne. So kam es dann im Jahr 1979 dazu – ich gab mein Wettkampfdebüt, nahm am Mr. Hamburg Junior teil und belegte den 5. Platz von 6 Teilnehmern. Ich war happy und wollte mehr!
Foto: Berend Breitenstein, Mr. Hamburg Junior 1979
Du hast auch im fortgeschrittenen Alter auf hohem Niveau Wettkämpfe bestritten und bist heute noch aktiv. Wie verändern sich Trainings- und Regenerationsstrategien mit dem Alter beim natürlichen Bodybuilding?
In der Tat war mein letzter Wettkampf im Jahr 2014, die Weltmeisterschaft im Natural Bodybuilding in der Altersklasse über 50 Jahren. Ich konnte den 4. Platz unter 11 Teilnehmern erreichen und das war ein würdiger Abschluss meiner Wettkampfkarriere. Bezüglich des Trainings des älter werdenden Athleten ändern sich in erster Linie die Regenerationszeiten. Ohne Frage benötige ich heute mit 61 Jahren im Anschluss an intensive Trainingseinheiten länger zur körperlichen und auch zur geistigen Regeneration. Ich trainiere immer noch gerne auch mit schweren Gewichten und im Wiederholungszahl-Bereich von 5 bis 8 pro Satz, verwende aber zunehmend mittelschwere Gewichte im Training und mache überwiegend 8 – 15 WH pro Satz, manchmal auch bis zu 20 WH. Im Vergleich zu früheren Jahren trainiere ich heute auch mehr an Maschinen, aber natürlich bilden freie Gewichte – also Lang- und Kurzhanteln – immer den Grundstock im Training.Wie viel Einfluss hat deiner Erfahrung nach die Genetik im Natural Bodybuilding, und in welchen Aspekten (Muskelaufbau, Erholung, Körperfettverteilung etc.) lässt sich das besonders deutlich sehen?
Die Genetik spielt eine sehr wichtige Rolle für den Muskelaufbau. Zwar haben wir alle Muskeln und einen Stoffwechsel, aber hier gibt es deutliche interindividuelle Unterschiede. Worauf reagiert der Körper am besten im Training – eher auf Volumentraining oder doch lieber sehr kurze, knackige Trainingseinheiten mit sehr hoher Intensität? Spricht der Körper eher auf höhere Wiederholungszahlen pro Satz oder auf niedrige WH-Zahlen pro Satz an, wenn es um Muskelwachstum geht? Wie verstoffwechselt der Körper Kohlenhydrate, Proteine und Fette? Welcher Stoffwechseltyp bin ich? Neige ich zum Fettansatz (Endomorph) oder bin ich eher der Körpertyp, der alles essen kann, ohne dabei zuzunehmen (Ektomorph). Das sind nur einige der wesentlichen Fragen, die es gilt zu beantworten. Anschliessend kann dann ein auf den jeweiligen Sportler optimiertes Trainings- und Ernährungsprogramm entwickelt werden.Du betonst oft, dass Natural Bodybuilding mehr als Training und Ernährung ist, es sei ein Lebensstil. Welche Rolle spielen mentale Stärke, Motivation und Durchhaltevermögen in deinem Alltag – und wie gehst du mit Rückschlägen um?
Eine sehr gute und eine wichtige Frage – Mentale Gesundheit ist meines Erachtens die wichtigste Komponente für ein glückliches Leben. Es beginnt im Fühlen und Denken. Dem Entschluss, regelmässig zu trainieren, auf die Ernährung zu achten und möglichst genügend Ruhe und ein ausgefülltes Sozialleben zu haben, fällt im Kopf. Aus meiner Erfahrung als Natural Bodybuilder nimmt die Resilienz durch die Umsetzung dieser Faktoren in den Lebensalltag deutlich zu. Ich fühle mich besser, denke klarer und bin widerstandsfähiger gegen Rückschläge im Leben. Natürlich gibt es auch echt heftige Schläge, die bis an die Grenze der mentalen Belastbarkeit gehen, jeder kennt wohl solche Situationen. Mir persönlich hat dann die Rückbesinnung auf mich selber immer sehr geholfen. Ich kann ohne Übertreibung sagen, dass Natural Bodybuilding mein Lebenselixier ist. Alkohol oder andere Drogen kommen für mich in sehr schwierigen Lebenssituationen nicht in Frage – ich gehe ins GYM und spüre meinen Körper, bei gleichzeitiger Entlastung des Geistes. Probleme und Rückschläge sind nach einem Workout zwar nicht aus der Welt, aber es fällt mir leichter, damit umzugehen beziehungsweise diese zu bewältigen.Du bist Ernährungswissenschaftler: Welche Ernährungsformen sind deiner Meinung nach am besten geeignet für Natural Bodybuilder, die nachhaltige Erfolge bringen und mental gut umsetzbar sind?
Hier gibt es meines Erachtens keine Empfehlung, die für alle Natural Bodybuilder gleichermassen gilt. Wie bereits erwähnt, reagieren Menschen aufgrund ihrer persönlichen Stoffwechselsituation durchaus unterschiedlich auf die Nahrungsaufnahme und die Verwertung der Nährstoffe im Organismus. Nehmen wir zwei deutlich unterschiedliche Ernährungsweisen als Beispiel: Vegan und Carnivore. Dazwischen gibt es zahlreiche andere Ernährungsformen. Ich persönlich fahre am besten mit einer Ernährung, die recht viel Protein enthält (ca. 2g bis 3g pro kg Körpergewicht), einen moderaten Anteil an gesunden Fetten (ca. 80g pro Tag) und eher wenig Kohlenhydraten (ca. 200g pro Tag). Das richtet sich aber auch danach, welches Ziel ich erreichen möchte. Für den «normalen» Trainingsalltag bevorzuge ich mehr Kohlenhydrate und weniger Protein, wenn es darum geht, überschüssiges Körperfett loszuwerden, dann erhöhe ich die Proteinzufuhr und reduziere die Kohlenhydrataufnahme. Aus meiner Sicht ist auch die Regelmässigkeit in der Nahrungsaufnahme von Bedeutung. Alle 3 bis 4 Stunden sollte Nahrung zugeführt werden. Das sind dann in der Regel nicht alles komplette Mahlzeiten, aber ein gesunder Snack (z. B. eine Handvoll Nüsse oder Obst oder Hüttenkäse) etc. sollte möglich sein.Wie balancierst du wissenschaftliche Erkenntnisse und persönliche Erfahrungswerte (Praxis), insbesondere bei Trainings- und Ernährungsplänen für Natural Athletes?
Diese Frage möchte ich am eigenen Beispiel beantworten. Bis in mein Studium der Ernährungswissenschaft hinein, bekam ich immer zu hören «Du brauchst viele Kohlenhydrate um Kraft im Training zu haben». Das stimmt für die Praxis aus meiner Erfahrung nur bedingt. Ich trainiere ja am liebsten morgens auf nüchternen Magen und selbst bei einer nur geringen Kohlenhydrataufnahme (unter 100g pro Tag) hat die Muskulatur immer noch genügend Glykogen gespeichert, um hohe Kraftleistungen zu entfalten. Für mich persönlich, meinen individuellen Stoffwechseltyp hat sich der Durchbruch im Training und im Muskelaufbau erst nach meinem Studium gezeigt. Ab diesem Zeitpunkt experimentierte ich mit dem frühmorgendlichen, nüchternen Training und einer sehr geringen Kohlenhydrataufnahme und konnte beinahe täglich sehen, wie meine Form besser wurde. Ich verlor konstant an Körperfett und konnte meine Kraftleistungen sogar noch verbessern. Es gibt so viele Meinungen und wissenschaftliche Belege für die Effektivität des einen oder des anderen Trainings- und Ernährungsansatzes – was aber für einen persönlich am besten wirkt, zu optimalen Resultaten im Körperaufbau führt, das muss jeder durch «Versuch und Irrtum» für sich selber herausfinden. Es gilt, ein Meister des sogenannten «Instinktivprinzips» zu werden.Wie strukturierst du Trainingsprogramme im Natural Bodybuilding? Nutzt du periodisierte Trainingsphasen, und wenn ja – wie sehen diese typischerweise aus (z. B. Aufbau, Definition, Pause, Erholung)?
Grundsätzlich verwende ich die sogenannte «nicht lineare Periodisierung» in meinen Trainingseinheiten im Gym. Das heisst, ich trainiere in der Belastung für eine Muskelgruppe in einer Trainingseinheit sowohl mit schweren Gewichten (5 bis 8 WH/Satz), mit mittelschweren Gewichten (8 bis 15 WH/Satz) und mit leichteren Gewichten (15 bis 20WH/Satz). Mit diesem Trainingsansatz werden sowohl die weissen, schnell kontrahierenden Muskelfasern, als auch die roten, langsam kontrahierenden Muskelfasern mit hohen Wachstumsreizen stimuliert. Das Ergebnis davon ist optimale Muskelhypertrophie. Geht es mir vorrangig um den Muskelaufbau, trainiere ich in der Regel kürzer und schwerer. Beim Training auf Bestform dann häufiger und mit mehr Volumen für die einzelnen Muskelgruppen und ich absolviere dann auch mehr Kardiotraining für den Körperfettabbau.
Foto: Berend Breitenstein beim Bankdrücken












