Foto: © ABS Powerlifting Series
Sean Koch hebt Gewichte, an denen andere zerbrechen – und legt sich mit einem Weltverband an. Der Powerlifter aus Mauren (Liechtenstein) gehört zu den stärksten Athleten seiner Generation, hat Schweizer Rekorde gebrochen, international Medaillen gewonnen und steht kurz vor der magischen 1000-Kilogramm-Marke im Kraftdreikampf. Doch neben Hantel und Plattform kämpft der 25-Jährige auch abseits des Sports: Sein Rechtsstreit mit dem Weltverband IPF sorgt weltweit für Aufmerksamkeit. Im Interview spricht Sean Koch über seinen Weg an die Spitze, das Leben zwischen Liechtenstein und den USA – und warum er bereit ist, für die Zukunft des Powerliftings Risiken einzugehen.
Das Interview mit Sean Koch
Wie bist du ursprünglich zum Powerlifting gekommen und wann hast du gemerkt, dass du internationales Potenzial hast?
Mein Weg in den Kraftsport begann ganz klassisch. Nach meiner Lehre als Informatiker trat ich einem Fitnessstudio bei – ursprünglich mit dem Ziel, etwas Gewicht zu verlieren. Schon nach kurzer Zeit merkte ich jedoch, dass ich ungewöhnlich schnell Kraft aufbauen konnte. Nach rund drei Monaten hatte ich bei vielen Geräten bereits das Maximum erreicht.
Der Besitzer des Studios, Manuel Brogle, riet mir daraufhin, mich stärker auf die Grundübungen zu konzentrieren. Kurz darauf beugte ich bereits über 200 Kilogramm. 2021 meldete ich mich zu meinem ersten Powerlifting-Wettkampf an, der DSM (Deutschschweizer Meisterschaft), und erreichte dort ein Total von 735 Kilogramm. Dort lernte ich indirekt auch meinen ersten Coach kennen – und von da an nahm alles seinen Lauf. Im selben Jahr wurde ich Schweizer Meister in der Open-Kategorie und startete erstmals international an der Junioren-Europameisterschaft.
Welche deiner bisherigen Leistungen macht dich persönlich am stolzesten – und warum?
Das sind definitiv meine ersten 400 Kilogramm in der Kniebeuge. Diese Zahl war von Beginn an ein grosses persönliches Ziel. Im Kraftsport markiert eine «4» vorne eine klare Grenze – nur sehr wenige Athleten erreichen das. Dieser Moment hatte für mich eine ganz besondere Bedeutung.
Deine Totals kratzen an der 1000-kg-Marke: Wie realistisch ist dieses Ziel für dich und wann soll es fallen?
1000 kg sind absolut realistisch – in Trainings- und Teilsummen komme ich bereits auf 1012.5 kg oder mehr. Bei mehreren Wettkämpfen (z. B. ABS Pro 2025 in Irland, ABS Rumble 2025 in den USA) habe ich dafür gezogen, aber es scheiterte oft an der Griffkraft oder am Lockout (Deadlift ungültig). Die echte Herausforderung ist, alles an einem Tag unter Wettkampfbedingungen abzurufen – genau daran arbeite ich intensiv.
Wie sieht eine typische Trainingswoche bei dir aus und wie lange dauern deine Workouts bzw. wie wird trainiert?
Das variiert je nach Phase (Off-Season, Peaking etc.). Grundsätzlich trainiere ich viermal pro Woche, Sessions dauern 2 – 4 Stunden. Der Aufbau: Haupt-Lift (meist eine der Big 3 oder enge Variation, schwer/intensiv mit 1 – 5 Reps bei hohem % vom 1RM), dann Secondary-Lift (direkte Ergänzung, z. B. Paused-Varianten für Sticking Points oder mehr Volumen) und Assistenzübungen.
Beispiel: Trainingswoche von Seans Offseason
Erklärung der Begriffe
RPE (Rate of Perceived Exertion)
Subjektive Anstrengungsskala von 1–10.
8 = noch ca. 2 Wiederholungen möglich
9 = noch ca. 1 Wiederholung möglich
10 = keine Wiederholung mehr möglich
Sätze = Arbeitssätze (ohne Aufwärmen)
Wdh. = Wiederholungen pro Satz
S1–S4 = verwendetes Gewicht je Satz (kg)
Tag 1 – Schweres Bankdrücken & Oberkörper
| Übung | RPE | Sätze | Wdh. | Satz 1 | Satz 2 | Satz 3 | Satz 4 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Wettkampf-Bankdrücken | 8 | 2 | 3 | 220 | 210 | – | – |
| Kurzhantel-Bankdrücken flach | 8.5 | 2 | 8 | 60 | 60 | – | – |
| Enges Drücken | 8.5 | 3 | 10 | 45 | 45 | 45 | – |
| KH-Rudern brustgestützt | 8 | 3 | 8 | 60 | – | – | – |
| Hammer Curls | 8 | 3 | 10 | 32 | – | – | – |
| Einarmige Trizeps-Seil-Extension | 8 | 3 | 10 | 22.5 | – | – | – |
| Kabel Reverse Flys | 8 | 3 | 10 | 20 | – | – | – |
| Handgelenk-Curls KH | 8 | 2 | 20 | 28 | – | – | – |
Tag 2 – Schweres Kreuzheben & Kniebeugen
| Übung | RPE | Sätze | Wdh. | Satz 1 | Satz 2 | Satz 3 | Satz 4 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Wettkampf-Kreuzheben | 9 | 1 | 3 | 320 | 300 | – | – |
| Kreuzheben mit Zughilfen | 8 | 2 | 6 | 265 | 245 | 250 | – |
| Wettkampf-Kniebeuge | 8 | 3 | 6 | 285 | 270 | 250 | – |
| Beinstrecker | 8 | 3 | 10 | – | – | – | – |
| Langhantel-Rudern schwer | 8 | 3 | 5 | – | – | – | – |
| Copenhagen Plank | 8 | 3 | 8 | – | – | – | – |
Tag 3 – Technik-Bankdrücken & Schultern
| Übung | RPE | Sätze | Wdh. | Satz 1 | Satz 2 | Satz 3 | Satz 4 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Bankdrücken mit langer Pause | 8 | 2 | 1 | 215 | 205 | – | – |
| Wettkampf-Bankdrücken | 8 | 2 | 5 | 195 | 180 | – | – |
| Landmine Press | 8 | 2 | 10 | 40 | – | – | – |
| Schulter-Zirkel | 8 | 2 | 10 | 50 | 17 | 22 | 30 |
| Hammer Curls | 8 | 3 | 10 | 40 | – | – | – |
| Enges Drücken | 8 | 3 | 10 | 50 | – | – | – |
| Kabelrudern V-Griff | 8 | 3 | 10 | – | – | – | – |
Tag 4 – Schwere Kniebeugen & hintere Kette
| Übung | RPE | Sätze | Wdh. | Satz 1 | Satz 2 | Satz 3 | Satz 4 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Wettkampf-Kniebeuge | 8.5 | 1 | 4 | 330 | – | – | – |
| Kniebeuge mit Knee Sleeves | 8.5 | 3 | 1 | 350 | 310 | 300 | – |
| Schrägbankdrücken | 9+ | 3 | 7 | 175 | 165 | 155 | – |
| Beinstrecker | 8.5 | 3 | 12 | 60 | – | – | – |
| Good Mornings (weiter Stand) | 8.5 | 3 | 8 | 150 | – | – | – |
| Latzug neutral | 8.5 | 3 | 10 | – | – | – | – |
| Pallof Press | 9.5 | 3 | 5 | – | – | – | – |
Gibt es bei deinem Training Unterschiede zu dem anderer Top-Athleten?
Da ich nicht im Detail weiss, wie andere Athleten trainieren, kann ich das nur eingeschränkt beurteilen. Innerhalb meines College-Teams fällt mir jedoch auf, dass sich mein Training vor allem in der Intensität deutlich unterscheidet.
Wie integrierst du Regeneration in deinen Alltag bzw. was tust du, für deine mentale Stärke?
Sauna und Eisbaden gehören fest zu meiner wöchentlichen Routine. Ich sehe darin einen entscheidenden Faktor dafür, dass ich mich so schnell steigern konnte, ohne ernsthafte Verletzungen zu erleiden.
Mental arbeite ich weniger mit klassischen Methoden. Was mir jedoch enorm hilft, ist meine Konsequenz: Wenn ich mir etwas vornehme, ziehe ich es durch. Diese innere Disziplin stärkt mich auch mental.
Du hast in den USA studiert und trainiert: Was sind die grössten Unterschiede zur Powerlifting-Szene in Europa?
Die Szene in den USA ist deutlich grösser. Gleichzeitig empfinde ich sie als kollegialer. In der Schweiz erlebe ich teilweise eine ausgeprägte Neid- und Konkurrenzkultur – nicht nur zwischen Athleten, sondern auch zwischen Vereinen.
Wie hat dich das College-Powerlifting an der Midland University sportlich und menschlich geprägt?
Nicht nur sportlich, sondern auch menschlich. Der Schritt in ein anderes Land mit einer völlig anderen Kultur erweitert den Horizont enorm. Neben den vielen neuen Kontakten hat mich die Zeit an der Midland University auch sportlich weitergebracht – insbesondere in Bezug auf meine körperliche Entwicklung und Body-Composition.
Der Konflikt mit der IPF (International Powerlifting Federation) und Artikel 14 hat viel Aufmerksamkeit erregt – was war für dich der Punkt, an dem du gesagt hast:«Jetzt wehre ich mich»?
2023/2024 startete ich bei einem College-Wettkampf (USAPL an der Midland University, wo ich studiere und ein Stipendium habe). Artikel 14 der IPF verbietet Starts ausserhalb der IPF – automatische 12-Monats-Sperre. Viele Athleten sind betroffen, aber als Student hatte ich Zeit, aber kein Geld. Deshalb entschied ich mich, den Fall öffentlich zu machen, um die nötigen Mittel zu beschaffen. Ich dachte: Wenn ich diesen Schritt nicht gehe, wird es niemand tun.
Was möchtest du mit deiner Klage gegen die IPF grundsätzlich verändern – nicht nur für dich, sondern für andere Athleten?
Mein Ziel ist es, Athleten die Freiheit zurückzugeben, sich nicht einem monopolartigen System unterwerfen zu müssen. Powerlifting ist mehr als nur ein Verband. Jeder Athlet sollte selbst entscheiden können, an welchen Wettkämpfen er teilnimmt, ohne Sanktionen befürchten zu müssen.
Der Streit läuft weiter (Stand 2026).
Was bedeutet es für dich, Liechtenstein zu vertreten, obwohl du wettkampfmässig für die Schweiz startest?
Sehr viel. Wegen der IPF-Sperre starte ich bei ABS-Wettkämpfen (Advanced Barbell Systems, eine irische Powerlifting-Serie/Promotion mit Events wie ABS Pro, Clash of Titans etc.) unter Liechtensteiner Flagge. ABS ist keine klassische Federation, sondern eine hochprofessionelle Pro-Tour mit Wraps/raw-Optionen und Top-Athleten. Das Gefühl ist positiv, das Feedback aus der Heimat unterstützend – Liechtenstein zu vertreten, erfüllt mich mit Stolz.
Gab es Momente, in denen du überlegt hast, den Weg des geringeren Widerstands zu gehen und auf bestimmte Wettkämpfe zu verzichten?
Nein. Bei meinen letzten Wettkämpfen zog ich jeweils für die 1000-Kilogramm-Gesamtleistung. Diese Versuche waren jedoch im Lockout ungültig. In anderen Verbänden mit weniger strengen Judging-Standards wäre dieses Ziel vermutlich bereits erreicht. Für mich ist aber klar: Ich möchte diese Marke unter den höchsten Standards erreichen.
Wie gehst du mit Druck, Kritik und öffentlicher Aufmerksamkeit um – gerade in einer so kleinen Heimat wie Liechtenstein?
Die Rückmeldungen in Liechtenstein sind durchweg positiv, daher empfinde ich wenig Druck. Mit der Zeit kann es jedoch anstrengend werden, überall erkannt zu werden. Trotzdem bin ich dankbar für die Anerkennung meiner Leistungen.
Foto: © ABS Powerlifting Series
Welche sportlichen Ziele hast du für die nächsten 3 – 5 Jahre, national wie international?
Nach dem Erreichen der 1000 Kilogramm werde ich meinen Fokus stärker auf Classic-Raw legen. Konkrete Drei- oder Fünfjahrespläne habe ich nicht. In meinem Kopf gibt es jedoch einige Leistungsmarken, die ich erreichen möchte, bevor ich meine aktive Karriere beende.
Was würdest du jungen Athletinnen und Athleten aus Liechtenstein oder der Schweiz mitgeben, die im Kraftsport gross rauskommen wollen?
Everything good takes time!
Vielen Dank für deine wertvolle Zeit und das tolle Interview!
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