Weight Cut im MMA

Foto: Imaginechina Limited; Der kamerunisch-französische Mixed-Martial-Arts-Kämpfer Francis Ngannou nimmt an einer offiziellen Wiegezeremonie für die bevorstehende UFC Fight Night in Beijing, China, am 23. November 2018 teil.

Um im Mixed Martial Arts (MMA) anzutreten, braucht es weit mehr als nur Kämpferherz, Technik, Kraft und Ausdauer. Entscheidend ist auch das richtige Kampfgewicht. Denn nur wer die vorgegebene Waage schafft, darf in der für sich vorteilhaftesten Gewichtsklasse antreten.

Dieser Kampf findet nicht im Käfig statt – sondern schon Tage oder Wochen vorher. Es geht um den sogenannten Weight Cut: Eine extreme, oft brutale Prozedur, bei der Kämpfer in kürzester Zeit massiv an Gewicht verlieren, nur um danach teilweise über 10 kg in weniger als 24 Stunden wieder zuzunehmen. Eine Praxis, die nicht nur kräftezehrend, sondern im schlimmsten Fall sogar lebensgefährlich sein kann. Doch warum gehen so viele Athleten dieses Risiko ein? Wie genau funktioniert ein Weight Cut? Und welche Risiken, aber auch welche Alternativen gibt es?

Darauf gehen wir jetzt ein!

Warum Athleten Gewicht verlieren – der strategische Vorteil

Gewichtsklassen sollen eigentlich für Chancengleichheit sorgen. Sie verhindern, dass ein Athlet gegen einen deutlich schwereren Gegner antreten muss. In der Praxis entsteht jedoch ein harter Wettbewerb. Das Ziel der Kämpfer: In eine leichtere Gewichtsklasse zu kommen, um dann am Kampftag deutlich schwerer anzutreten, als eingewogen wurde. Für diejenigen, die mit Kampfsport nicht vertraut sind: Schwerere Kämpfer haben einen physikalischen Vorteil (mehr Masse).

Dieser Gewichtsvorteil im Kampf bringt einige Vorteile mit sich:

  • Stabilität bei Clinches oder Würfen
  • Gesteigerte Schlagkraft (Kraft = Masse × Beschleunigung)
  • Eine kleine Fettschicht schützt etwas besser bei Körpertreffern

Viele Athleten verlieren durch das «Gewichtmachen», oder eben einen Weight Cut, innerhalb weniger Tage ca. 8 bis 15 Prozent oder mehr ihres Körpergewichts – hauptsächlich durch Wasserverlust, um am Tag des offiziellen Wiegens ein exaktes Kampfgewicht auf die Waage zu bringen und in der entsprechenden Gewichtsklasse antreten zu können.

Das Einwiegen geschieht 24 bis 48 Stunden vor dem Showdown, meist morgens. Die MMA Organisationen wie die UFC, ONE Championship oder die PFL (Professional Fighter League) legen die Rahmenbedingungen für das «Weight Cutting» fest.

Nachmittags gibt es dann in der Regel nochmals das Show-Wiegen mit Face-Off, welches auch öffentlich übertragen wird. Bereits hier wird in wenigen Stunden wieder deutlich an Gewicht zugenommen.

Promotion Weight Cutting erlaubt? Weigh-in Timing Besonderheiten
UFC Ja, sehr üblich Offizielles Wiegen ca. 24 Stunden vor dem Kampf (meist Freitagvormittag) Ceremonial Weigh-in (Show) am Nachmittag. Danach ca. 24 Stunden Zeit zum Rehydrieren. Extreme Cuts sind Standard.
ONE Championship Stark eingeschränkt 24 – 48 Stunden vor dem Event + tägliche Checks Hydrationstest (Urin-Dichte) Pflicht. Zu dehydrierte Kämpfer dürfen nicht wiegen. Kämpfer müssen näher am Normalgewicht bleiben. 105%-Regel bei Catchweights.
PFL Ja, ähnlich wie UFC Ca. 24 Stunden vorher Turnier-Format, aber Weight Cutting weiterhin erlaubt.
Bellator / Andere Meist wie UFC Oft 24 – 36 Stunden vorher Variiert je nach Athletik-Kommission.

 

Dieser extreme Eingriff in den Stoffwechsel kann den Körper stark belasten und ist gesundheitlich bedenklich. Wir werfen nun einen Blick auf die einzelnen Phasen dieses Prozesses.

Die Phasen des Weight Cuts

Das Weight Cutting gliedert sich in zwei Hauptphasen: Langfristige Gewichtsreduktion und akute Dehydration.

Phase 1: Langfristige Gewichtsreduktion

Diese Phase beginnt meist 6 bis 12 Wochen vor dem Kampf. Ziel ist es, überschüssiges Körperfett zu reduzieren, während Muskelmasse erhalten bleibt.

Die typischen Massnahmen sind:

  • Kaloriendefizit schaffen: Es muss weniger Energie augenommen werden, als verbrannt wird. Oft geschieht dies durch die Reduktion von Fetten und Kohlenhydraten bzw. müssen Kalorien insgesamt über einen längeren Zeitraum reduziert werden.
  • Proteinzufuhr erhöhen: Stellt den Muskelerhalt sicher – während einer Kalorienreduktion ist die Menge des zugeführten Proteins relevant. Wer zu wenig davon hat, baut Muskeln schneller ab.
  • Kontrolliertes Training: Gezieltes Krafttraining, aber vor allem Cardio-Einheiten reduzieren Körperfett

Der Körper baut in dieser Phase Fett ab, Wasserverlust spielt noch kaum eine Rolle. Es ist die sicherste Phase des Weight Cuts und relativ gut plan- und durchführbar.

Phase 2: Akute Dehydration (letzte Tage vor dem Wiegen)

Diese Phase beginnt etwa 2 – 3 Tage vor dem offiziellen Wiegen und ist die Riskanteste. Ziel: Reduktion von Wassergewicht, um das Limit der Gewichtsklasse exakt zu erreichen.

Wir werfen einen Blick auf die gängigsten Methoden:

  1. Wasserladen – 5 – 7 Tage vor dem Wiegen
    Die Athleten trinken extrem viel Wasser, ca. 8 bis 10 Liter pro Tag. Ziel ist es, die Nieren zu überlasten, sodass sie Wasser schneller ausscheiden.Symptome: häufiges Wasserlassen, Harndrang, leichtes Unwohlsein.
  2. Plötzlicher Wasserentzug – letzte 24 – 48 Stunden
    Die Wasserzufuhr wird stark reduziert oder ganz gestoppt. Die Nieren arbeiten weiter, sodass schnell mehrere Kilogramm Wasser verloren gehen.Typische Symptome: Durst, Schwäche, Schwindel, Panikgefühle
  3. Aktives Schwitzen – letzte 48 Stunden (etwa parallel zum Wasserentzug)
    Zur schnellen Gewichtsreduktion werden zusätzliche Massnahmen eingesetzt:
  • Sauna oder heisse Bäder (ca. 39 – 42 °C)
  • Wärmedecken oder mehrere Kleidungsschichten
  • Schweissfördernde Cremes und Magnesiumsalze für die Badewanne

Ziel ist es, den Wasserverlust über die Haut zu maximieren.

Typische Symptome: Überhitzung, Krämpfe, Erschöpfung, emotionale Ausbrüche

Rehydration: Der schnelle Wiederaufbau des Gewichtes

Nach dem offiziellen Wiegen beginnt die Rehydration. In wenigen Stunden nehmen die Athleten Wasser, Elektrolyte und Kohlenhydrate auf, um wieder ihr Normal- und tatsächliches Kampfgewicht zu erreichen.

Die üblichen Massnahmen dabei sind:

  • Elektrolytlösungen (Natrium, Kalium, Glucose)
  • Leichte, energiereiche Mahlzeiten
  • Langsames, kontrolliertes Trinken

Der Körper funktioniert wie ein Schwamm und zieht Wasser extrem schnell ein. So können Athleten nach einem extremen Weight Cut innerhalb von 24 Stunden oft 8 bis 12 Kilogramm an Gewicht wieder zunehmen. Bei einigen Profis im MMA oder Muay Thai sind sogar kurzfristige Zunahmen von bis zu 15 kg möglich, abhängig vom Ausgangsgewicht, dem Ausmass der Dehydration und der Rehydrationsstrategie. Diese schnelle Wiederaufnahme besteht fast ausschliesslich aus Wasser und Glykogenspeicher im Muskel, nicht aus Fett.

Medizinische Risiken des Weight Cuts

Besonders in der Endphase der Dehydration wird es gefährlich, weil der Körper innerhalb kurzer Zeit massiv Flüssigkeit verliert. Die extreme «Austrocknung» belastet nahezu jedes Organ. Zu den gefährlichsten Risiken gehören:

  1. Nierenversagen
    Die Nieren filtern Blut und scheiden Abfallprodukte aus. Wasserverlust reduziert die Durchblutung und kann akutes Nierenversagen auslösen.
  2. Herzrhythmusstörungen
    Elektrolyte wie Natrium, Kalium oder Magnesium sind entscheidend für die Herzfunktion. Ungleichgewichte können Vorhofflimmern oder Kammerflimmern verursachen.
  3. Kreislaufkollaps
    Sinkendes Blutvolumen führt zu Schwindel, Ohnmacht oder Kreislaufversagen.
  4. Gehirn und Psyche
    Kopfschmerzen, Konzentrationsprobleme, Verwirrung und Panikgefühle sind häufig.

Langfristige Schäden können Rhabdomyolyse oder sogar Todesfälle umfassen, insbesondere wenn zusätzliche Medikamente oder Diuretika eingesetzt werden. Bei diesem Prozess ist daher grösste Vorsicht geboten!

Methoden, Symptome und Risiken im Überblick

Phase Methode Typische Symptome Schwere Risiken
Wasserladen (5 – 7 Tage vor Wiegen) 8 – 10 L Wasser pro Tag trinken Häufiges Wasserlassen, leichter Druck auf Kopf/Brust Nierenüberlastung
Wasserentzug (letzte 24 – 48 h) Flüssigkeit drastisch reduzieren oder stoppen Durst, Schwäche, Schwindel, Panik Hypovolämie, Kreislaufkollaps, Nierenversagen
Aktives Schwitzen Sauna, heisse Bäder, Wärmedecken, Cremes Überhitzung, Krämpfe, emotionale Instabilität Herzrhythmusstörungen, Kollaps
Rehydration Elektrolyte + Flüssigkeit + Nahrung Aufblähung, Krämpfe bei falscher Aufnahme Kardiovaskuläre Belastung, Herzprobleme

Reformvorschläge und sichere Alternativen

Immer mehr Sportmediziner und Kampfsportverbände sagen: So extrem muss es nicht sein. Es gibt konkrete Lösungen, die das Risiko massiv senken, ohne dem Sport seine Härte zu nehmen.

  • Hydrationstests: Organisationen wie ONE Championship lassen die Urindichte messen, bevor ein Kämpfer überhaupt in eine Gewichtsklasse darf. Wer zu dehydriert ist, kommt nicht auf die Waage.
  • Wiegen am Kampftag: Der wahrscheinlich wirksamste Schritt. Wer nur wenige Stunden vor dem Kampf wiegt, hat keinen Grund mehr, sich bis aufs Skelett runterzuhungern.
  • Mehr Gewichtsklassen: Kleinere Sprünge zwischen den Klassen bedeuten weniger dramatische Cuts.
  • Professionelle Begleitung: Kein Athlet sollte das allein machen. Gute Teams haben Ärzte, Trainer und Ernährungsberater dabei, die den gesamten Prozess überwachen.

Wer diese Massnahmen ernsthaft umsetzt, reduziert die Gefahr dramatisch – und der Sport verliert trotzdem nichts von seiner Intensität.

Warum Athleten trotzdem weiter «cutten»

Trotz aller Warnungen und Risiken bleibt der Weight Cut für viele extrem verlockend:

  • Sie steigen mit deutlich mehr Muskelmasse und Körpergewicht in den Käfig.
  • Die Schläge kommen härter, die Power ist spürbar grösser.
  • Und – der psychologische Vorteil, wenn der Gegner plötzlich viel massiver wirkt.

In einem Sport, in dem Millimeter und Sekunden entscheiden, wiegt der kurzfristige Vorteil für viele schwerer als die langfristigen Gefahren. Das ist menschlich. Und gleichzeitig gefährlich.

Fazit zum Weight Cut

Der Weight Cut bleibt eine der brutalsten Praktiken im MMA. Er belastet Herz und Kreislauf, Nieren, Muskeln, Gehirn und Psyche bis an die Grenze. Viele Kämpfer beschreiben diese Phase als pure Hölle aus Hunger, Durst, Panik und Erschöpfung.

Deshalb sollte eines klar sein: Das darf kein Athlet allein und unkontrolliert durchziehen. Professionelle medizinische und ernährungswissenschaftliche Betreuung muss Standard werden.

Die gute Nachricht: Experten sind sich einig, dass man den Weight Cut deutlich sicherer machen kann, ohne den Sport zu verändern. Hydrationstests, Wiegen am Kampftag, langsamere Gewichtsreduktion und enge ärztliche Kontrolle sind machbar.

Für Fans bleibt es trotzdem faszinierend und erschreckend zugleich: Wie weit Menschen bereit sind zu gehen, nur um im Käfig den winzigsten Vorteil zu haben.

 

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Quellen:
  • https://www.youtube.com/watch?v=tvBADUVfC5c
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Gewichtmachen
  • https://next-fight.com/en/mma-organizations