Foto: Thorsten Paskowski – Fitness- und Gesundheitsexperte
Viele Menschen trainieren regelmässig im Fitnessstudio, verfolgen klare Ziele – mehr Muskeln, weniger Körperfett, bessere Leistung – und investieren viel Zeit in ihre Entwicklung.
Und trotzdem entsteht häufig ein Widerspruch: Der Körper wird stärker – aber nicht unbedingt gesünder. Man hebt mehr Gewicht, fühlt sich leistungsfähiger, aber gleichzeitig treten Beschwerden auf: Ein Ziehen in der Schulter, Ein Druck im Knie, Verspannungen im Rücken. Oder einfach das Gefühl, dass der Körper nicht «rund läuft». Viele beschreiben es so, als würden einzelne Bereiche funktionieren – aber das Gesamtbild nicht stimmen.
Genau hier zeigt sich der Unterschied zwischen Stärke und Funktion.
Der Körper bewegt sich nicht durch Muskeln – sondern durch Zusammenarbeit
Wenn wir an Bewegung denken, denken wir meist an Muskeln. Und ja – Muskeln sind entscheidend. Sie sind der Motor unseres Körpers und spielen eine zentrale Rolle für Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Stabilität. Doch Muskeln allein bewegen gar nichts.
Bewegung entsteht erst durch das Zusammenspiel mehrerer Systeme:
- Muskeln erzeugen Kraft
- Sehnen übertragen die Kraft auf die Knochen
- Gelenke ermöglichen die Bewegung zwischen den Strukturen
- Bänder stabilisieren und sichern die Gelenke
- Knochen geben Struktur und tragen die Last
Doch damit ist der Prozess noch lange nicht vollständig.
Das Herz-Kreislauf-System sorgt dafür, dass Muskeln und Gewebe mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt werden. Die Faszien verbinden alle Strukturen miteinander und ermöglichen eine effiziente Kraftübertragung im gesamten Körper. Das Lymphsystem übernimmt den Abtransport von Stoffwechselprodukten und unterstützt die Regeneration. Und darüber liegt das zentrale Steuerungssystem: das Nervensystem.
Erst wenn all diese Systeme zusammenarbeiten, entsteht funktionierende Bewegung.
Als Ingenieur fällt mir dabei immer wieder ein Vergleich ein: Ein Körper funktioniert im Prinzip wie eine komplexe Maschine.
In einem Auto greifen Motor, Getriebe, Antrieb und Elektronik ineinander. Nur wenn alle Komponenten zusammenarbeiten, läuft das System effizient. Wenn ein Teil nicht richtig funktioniert, leidet das gesamte System – selbst wenn einzelne Komponenten sehr leistungsfähig sind.
Genauso verhält es sich im Körper: Starke Muskeln bringen wenig, wenn die Gelenke instabil sind. Eine gute Ausdauer hilft nur bedingt, wenn die Muskulatur nicht richtig arbeitet. Und eine hohe Trainingsleistung verliert an Wert, wenn Regeneration und Versorgung nicht stimmen.
Gesundheit entsteht durch das Zusammenspiel aller Systeme – nicht durch die Optimierung einzelner Bereiche.
Muskeln – der Motor deiner Gesundheit
Muskeln sind weit mehr als nur ein optischer Faktor. Gerade im Krafttraining steht die Muskulatur im Mittelpunkt – und das völlig zurecht. Denn sie ist nicht nur für Kraft und Optik entscheidend, sondern bildet die Grundlage für Stabilität, Leistungsfähigkeit und langfristige Gesundheit.
Eine gut entwickelte Muskulatur stabilisiert Gelenke, schützt vor Verletzungen, verbessert die Haltung und unterstützt zahlreiche Stoffwechselprozesse. Darüber hinaus spielen Muskeln eine wichtige Rolle im Energiestoffwechsel. Sie helfen dabei, Blutzucker zu regulieren und wirken sich positiv auf die Insulinsensitivität aus.
Gerade mit zunehmendem Alter wird Muskulatur zu einem der wichtigsten Faktoren für Lebensqualität und Selbstständigkeit. Doch entscheidend ist nicht nur, wie viel Muskulatur vorhanden ist, sondern wie gut sie funktioniert und in das Gesamtsystem eingebunden ist. Ein starker Muskel, der nicht richtig angesteuert wird, bringt wenig. Ein kräftiger Körper, der nicht beweglich ist, verliert an Funktion. Muskeln sind wichtig – aber nur im Zusammenspiel mit dem gesamten System.
Ein oft unterschätzter Aspekt ist dabei die Rolle der Muskulatur für Stabilität und Gleichgewicht. Gerade mit zunehmendem Alter entscheidet die Muskelkraft nicht nur über Leistungsfähigkeit, sondern auch über Sicherheit im Alltag.
Eine gut trainierte Muskulatur verbessert:
- die Körperkontrolle
- die Stabilität in Bewegungen
- die Fähigkeit, schnell auf unerwartete Situationen zu reagieren
Das reduziert das Risiko für Stürze und damit verbundene Verletzungen wie Knochenbrüche erheblich.
Was im Training als «Stabilität» oder «Core-Kraft» bezeichnet wird, ist im Alltag oft genau der Unterschied zwischen sicherer Bewegung und Verletzungsrisiko. Gerade im höheren Alter ist Muskelkraft einer der wichtigsten Faktoren, um Selbstständigkeit und Lebensqualität zu erhalten.
Foto: KI generiert mit Gemini
Ausdauer – die oft unterschätzte Grundlage
Neben der Muskulatur spielt die Ausdauer eine ebenso wichtige Rolle. Ein gut funktionierendes Herz-Kreislauf-System ist die Grundlage für Energieversorgung, Regeneration und Leistungsfähigkeit.
Ohne ausreichende Ausdauer kann der Körper Sauerstoff nicht effizient transportieren, Stoffwechselprodukte nicht optimal abbauen und sich schlechter erholen. Das führt dazu, dass selbst gut trainierte Muskeln ihre Leistung nicht vollständig entfalten können.
Krafttraining baut Strukturen auf – Ausdauer sorgt dafür, dass sie funktionieren.
Der Denkfehler im Training
Viele Trainingsansätze konzentrieren sich auf sichtbare Ergebnisse: mehr Muskeln, weniger Körperfett, bessere Leistung. Doch genau hier entsteht ein Problem. Der Körper passt sich nicht isoliert, sondern als System an.
Und dieses System reagiert unterschiedlich schnell:
- Muskeln entwickeln sich relativ schnell
- Sehnen und Bänder deutlich langsamer
- Knochen passen sich langfristig an Belastung an
- Gelenke reagieren empfindlich auf Fehlbelastung
- Faszien verändern sich über Bewegung, Spannung und Flüssigkeit
Der Körper wird stärker – aber nicht automatisch stabiler. Das führt dazu, dass Fortschritt auf der einen Seite entsteht, während auf der anderen Seite Schwächen bestehen bleiben.
Knochen und Gelenke: Belastung entscheidet über Gesundheit
Knochen sind lebendiges Gewebe und reagieren auf Belastung. Regelmässige Bewegung kann die Knochendichte verbessern, die Stabilität erhöhen und langfristig Erkrankungen wie Osteoporose vorbeugen. Ohne ausreichende Belastung hingegen bauen Knochenstruktur und Festigkeit nach und nach ab.
Gelenke sind dabei untrennbar mit den Knochen verbunden. Sie sitzen an den Enden der Knochen und ermöglichen erst die Bewegung zwischen ihnen. Im Inneren eines Gelenks befinden sich unter anderem Knorpelstrukturen, die wie eine Art «Puffer» wirken und die Belastung abfedern.
Ein entscheidender Unterschied zu vielen anderen Geweben ist jedoch: Gelenkknorpel wird nicht direkt durchblutet. Stattdessen erfolgt die Versorgung über die Gelenkflüssigkeit (Synovia).
Und genau hier kommt Bewegung ins Spiel: Erst durch Be- und Entlastung wird diese Flüssigkeit im Gelenk «ein- und ausgepresst» – ähnlich wie ein Schwamm. Dabei werden Nährstoffe in den Knorpel transportiert und Stoffwechselprodukte abtransportiert. Bewegung ist somit die Grundlage für die «Ernährung» der Gelenke.
Das bedeutet:
- Zu wenig Bewegung führt dazu, dass der Knorpel schlechter versorgt wird und an Belastbarkeit verliert.
- Zu hohe oder falsch ausgeführte Belastung kann die Strukturen hingegen überfordern und langfristig schädigen.
Gesunde Gelenke brauchen daher vor allem eines: die richtige Kombination aus Bewegung, Belastung und Regeneration.
Sehnen, Bänder und Faszien: Die unterschätzten Strukturen
Während Muskeln oft im Mittelpunkt stehen, arbeiten im Hintergrund Strukturen, die für Stabilität, Kraftübertragung und Bewegungsqualität entscheidend sind: Sehnen, Bänder und Faszien.
Sehnen verbinden Muskeln mit den Knochen. Sie übertragen die Kraft, die im Muskel entsteht, auf das Skelett – und machen Bewegung dadurch überhaupt erst möglich.
Bänder hingegen verbinden Knochen mit Knochen. Sie stabilisieren die Gelenke und sorgen dafür, dass Bewegungen kontrolliert und geführt ablaufen.
Beide Strukturen haben eine wichtige Gemeinsamkeit: Sie sind deutlich schlechter durchblutet als Muskeln. Das hat direkte Auswirkungen:
- Sie regenerieren langsamer
- Sie passen sich langsamer an Belastung an
- Sie reagieren empfindlicher auf Überlastung
Genau hier liegt eine häufige Ursache für Beschwerden: Der Muskel wird schneller stärker – die Sehne ist aber noch nicht bereit für diese Belastung. Das System gerät aus dem Gleichgewicht.
Faszien spielen in diesem Zusammenhang eine oft unterschätzte Rolle. Sie durchziehen den gesamten Körper wie ein dreidimensionales Netzwerk und umhüllen Muskeln, Organe und Gelenke. Man kann sie sich wie ein elastisches Spannungsnetz vorstellen, das:
- Kräfte im Körper verteilt
- Bewegungen miteinander verbindet
- Spannung speichert und wieder abgibt
Sind Faszien gut trainiert und elastisch, wirken Bewegungen fließend, kraftvoll und effizient. Werden sie hingegen vernachlässigt, können sie:
- verhärten oder «verkleben»
- die Beweglichkeit einschränken
- Bewegungsabläufe ineffizient machen
Der Körper verliert an Leichtigkeit – selbst wenn die Muskulatur stark ist.
Das Herz-Kreislauf-System und das Lymphsystem
Neben Muskeln, Gelenken und Strukturen im Bewegungsapparat gibt es zwei Systeme, die oft unterschätzt werden – obwohl sie für Leistungsfähigkeit und Gesundheit entscheidend sind: das Herz-Kreislauf-System und das Lymphsystem.
Das Herz-Kreislauf-System ist die Grundlage jeder Bewegung
Es transportiert Sauerstoff, Nährstoffe und Botenstoffe zu den Zellen und sorgt gleichzeitig dafür, dass Stoffwechselprodukte wieder abtransportiert werden. Je besser dieses System funktioniert, desto effizienter arbeitet der gesamte Körper.
Eine gute Durchblutung bedeutet:
- mehr Energie in den Muskeln
- schnellere Regeneration
- bessere Anpassung an Trainingsreize
Ohne Versorgung kann kein System im Körper optimal arbeiten.
Das Lymphsystem übernimmt eine andere, aber ebenso wichtige Aufgabe
Es ist verantwortlich für:
- den Abtransport von Stoffwechselprodukten
- die Unterstützung des Immunsystems
- den Transport von Fetten im Körper
Der entscheidende Unterschied zum Herz-Kreislauf-System: Das Lymphsystem hat keine eigene Pumpe.
Es ist vollständig darauf angewiesen, dass der Körper sich bewegt. Erst durch Muskelkontraktionen, Bewegung und Atmung wird die Lymphe im Körper transportiert.
Man kann sich das System wie ein Netzwerk vorstellen, das nur dann funktioniert, wenn es «in Bewegung gehalten wird». Bewegung ist also nicht nur Training – sondern auch Reinigung und Regeneration.
Zu wenig Bewegung oder monotone Belastung können dazu führen, dass dieser Abtransport verlangsamt wird. Das hat Auswirkungen auf:
- Regeneration
- Leistungsfähigkeit
- allgemeines Wohlbefinden
Was moderne Messungen sichtbar machen
Moderne Messmethoden zeigen, dass Gesundheit mehr ist als Gewicht oder Muskelmasse. Die Bioelektrische Impedanzanalyse liefert Einblicke in verschiedene Bereiche des Körpers. Dazu gehören der Knochenmineralgehalt, der Proteingehalt, die Wasserverteilung, die Muskelbalance und die Zellqualität. Diese Werte zeigen, wie gut der Körper tatsächlich funktioniert – nicht nur, wie er aussieht.
Der Phasenwinkel – ein Blick in deine Zellgesundheit
Ein besonders aufschlussreicher Wert ist der Phasenwinkel. Bei Männern zwischen 50 und 60 Jahren liegt er häufig im Bereich von etwa 5 bis 6.
Ein höherer Wert steht für stabile Zellstrukturen und gute Regeneration. Ein niedriger Wert kann auf eingeschränkte Anpassungsfähigkeit hinweisen. Viele sind überrascht, dass sie trotz regelmässigem Training nur im durchschnittlichen Bereich liegen.
Warum Gewichtsverlust nicht immer die Lösung ist
Gewichtsverlust ist für viele ein zentrales Ziel im Training – und kann gesundheitlich absolut sinnvoll sein. Entscheidend ist jedoch, wie er erreicht wird und was im Körper dabei erhalten bleibt. Wer Gewicht verliert, verliert oft nicht nur Fett, sondern auch Muskelmasse und wertvolle Zellsubstanz.
Der Körper wird leichter – aber nicht zwangsläufig leistungsfähiger. Entscheidend ist daher nicht nur das Gewicht auf der Waage, sondern die Qualität der Strukturen im Körper.
Der entscheidende Perspektivwechsel
Wer den Körper als System versteht, verändert seine Sichtweise.
Es geht nicht mehr nur darum, wie viel trainiert wird, sondern wie gut der Körper funktioniert.
Was bedeutet das konkret für dich?
Wenn du deinen Körper ganzheitlich verbessern willst, reicht es nicht, einfach mehr zu trainieren. Es geht darum, das System zu verstehen und gezielt zu steuern. Das bedeutet:
- Kraft aufzubauen und gleichzeitig Stabilität zu entwickeln.
- Muskulatur zu stärken und gleichzeitig Beweglichkeit zu erhalten.
- Ausdauer zu verbessern und gleichzeitig Regeneration zu ermöglichen.
Gesundheit entsteht nicht durch einzelne Massnahmen, sondern durch ihr Zusammenspiel. Und genau hier stellt sich die nächste entscheidende Frage: Womit versorgst du deinen Körper eigentlich, damit er sich anpassen kann?
Denn der beste Trainingsreiz bringt nichts, wenn dem Körper die Grundlage fehlt, darauf zu reagieren. Das bedeutet nicht weniger Training – sondern besseres Training.
Ausblick: Die Versorgung entscheidet
Im dritten und letzten Teil dieser Serie geht es genau darum:
- Welche Rolle Ernährung wirklich spielt,
- welche Makro- und Mikronährstoffe entscheidend sind
- und wie du deinen Körper gezielt unterstützen kannst.
Erst wenn Bewegung und Versorgung zusammenpassen, entsteht echte, nachhaltige Gesundheit.
Über den Autor
Thorsten Paskowski verbindet einen ingenieurwissenschaftlichen Hintergrund im Maschinenbau (Diplom-Ingenieur) mit einem ganzheitlichen Blick auf den menschlichen Körper und die Gesundheit. Sein Ansatz basiert auf Systemdenken, das er auf biologische und gesundheitliche Zusammenhänge überträgt.
Darauf aufbauend hat er sich umfassend im Bereich Fitness und Gesundheit weitergebildet. Dazu zählen Qualifikationen als Fitnesstrainer, Ernährungsberater und Stresscoach sowie Spezialisierungen in den Bereichen Sporternährung, Kinder- und Jugendernährung und Stress- sowie Burnoutprävention. Aktuell befindet er sich zusätzlich in der Ausbildung zum krankenkassenzertifizierten Präventionstrainer (ZPP).
Sein Ziel ist es, komplexe Gesundheitszusammenhänge verständlich und praxisnah zu vermitteln, damit Menschen fundierte und nachhaltige Entscheidungen für ihren Körper und Lebensstil treffen können.
Seine Grundüberzeugung lautet: Wer den Körper wirklich versteht – von der Zelle bis zum Gesamtsystem – trifft bewusstere Entscheidungen, trainiert langfristig sinnvoller und entwickelt einen nachhaltig gesünderen Lebensstil.
E-Mail: [email protected]
Instagram: pasko.healthcoach












